Jemand

Jemand war nie einfach nur ein Mensch.

Jemand war ein Zustand.
Ein Überlebensmechanismus mit Herzschlag.
Eine stille Antwort auf Fragen,
die nie laut gestellt wurden.

Jemand war das Kind,
das früh verstand,
dass Nähe nicht selbstverständlich ist.
Das lernte, sich selbst zu halten,
bevor es jemand anderes tat.

Jemand war früh wach.
Zu wach.

Während andere nur lebten,
beobachtete jemand.

Verhalten. Stimmen. Blicke.
Unausgesprochene Spannungen zwischen Worten.

Jemand konnte fühlen,
wenn ein Raum kälter wurde,
obwohl niemand etwas sagte.

Jemand war allein,
lange bevor Einsamkeit einen Namen bekam.

Nicht das romantische Alleinsein,
sondern dieses stille Verlorensein
zwischen vielen Menschen.

Dieses Gefühl, übersehen zu werden,
obwohl man die ganze Zeit da war.

Jemand übernahm Verantwortung,
bevor Schultern dafür gemacht waren.

Jemand lernte zu funktionieren,
während innen alles nach Antworten schrie.

Und irgendwann
wurde aus dem Suchen eine Identität.

Jemand.

Nicht Tochter.
Nicht Rolle.
Nicht Erwartung.
Nicht das Bild anderer.

Einfach: jemand.

Jean-Paul Sartre schrieb einmal sinngemäß,
dass Existenz vor Bedeutung kommt.
Dass ein Mensch erst existiert
und danach entscheidet, wer er ist.

Vielleicht liegt genau darin die Kraft von „Jemand“.

Denn jemand bedeutet:

Ich bin da.
Auch ohne Erlaubnis.
Auch ohne Bestätigung.
Auch ohne verstanden zu werden.

Jemand ist die kleinste Form von Existenz –
und gleichzeitig die größte.

Denn wer „jemand“ ist,
muss nicht länger beweisen,
dass er überhaupt sein darf.

Vielleicht war genau das der Wendepunkt in deinen Zeilen.

Nicht mehr:

„Ich brauche jemanden, der mich sieht.“

Sondern:

„Ich sehe mich.“

Und plötzlich verändert sich alles.

Die Einsamkeit verschwindet nicht sofort.
Die Vergangenheit auch nicht.

Das frühe Traurigsein.
Das Mobbing.
Das Übersehenwerden.
Das Gefühl, nie genug gewesen zu sein.

Aber aus dem Kind,
das nur überleben wollte,
wird langsam ein Mensch,
der existieren darf.

Ohne sich zu entschuldigen.

Jemand.

Jemand,
der gelernt hat,
dass Sensibilität keine Schwäche ist,
sondern ein Nervensystem,
das zu früh zu viel fühlen musste.

Jemand,
der verstanden hat,
dass Menschen oft grausam sind,
wenn sie selbst leer sind.

Jemand,
der nie „zu viel“ war –
sondern nur zu echt
für eine Welt voller Oberflächen.

Und vielleicht ist „Jemand“ am Ende
gar kein Name.

Vielleicht ist es eine Rückkehr.

Zu dem Menschen,
der die ganze Zeit unter allem verborgen lag.

Nicht perfekt.
Nicht geheilt.
Nicht angekommen.

Aber da.

Jemand.

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